Von Rolf Lührs, 28. November 2006, 16:01 Uhr

birtsch.jpgVor einem Jahr hat TuTech im Auftrag der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz (BSG) den Internetdiskurs Familienfreundlicher Wohnhort Hamburg durchgeführt. Die stellvertretende Amtsleiterin Dr. Vera Birtsch zieht jetzt eine positive Bilanz.

Frau Dr. Birtsch, was hat die Beteiligung aus Sicht der Behörde gebracht?

Da würde ich zwei Ebenen unterscheiden: Zunächst ist festzustellen, dass der Beteiligungsprozess als solcher ein klarer Gewinn war. Wenn man die Wohnbedingungen für Familien attraktiver gestalten will, muss man auch berücksichtigen, was einen familienfreundlichen Wohnort aus Bürgersicht ausmacht und die Menschen beteiligen. Die Internetdiskussion hat uns die Möglichkeit gegeben, Familien aus ganz Hamburg zu diesem Thema zu hören, sie aber auch zu informieren und das in einem sehr überschaubaren Zeitraum. Mit den Teilnehmerzahlen waren wir dabei sehr zufrieden und unsere Zielgruppe der Familien konnten wir erreichen, das sehe ich schon einmal als schönen Erfolg an. Durch den Einsatz des Mediums Internet hat das Projekt auch einen Beitrag für die Weiterentwicklung der E-Partizipation in Hamburg geleistet. Es hat sich für uns gezeigt, dass eine in ein professionelles Konzept eingebettete Online-Diskussion gut angenommen wird und ertragreich ist.

Und die zweite Ebene?

Die zweite Ebene ist natürlich die inhaltliche. Der Diskurs hat uns insgesamt einen guten Einblick in die – durchaus differenzierte – Sichtweise von Familien ermöglicht, und zwar sowohl im Hinblick auf ihre allgemeinen Ansprüche an einen familienfreundlichen Wohnort als auch konkret im Bezug auf den Wohnort Hamburg. Es wurden viele wertvolle Hinweise gegeben, Kritik wurde geäußert, aber auch Lob. Anregungen haben sich daraus nicht nur für die Politik, sondern auch für alle anderen Akteure, die mit familienfreundlichem Wohnen befasst sind, ergeben. Dabei handelt es sich teilweise um generelle Hinweise, wie z. B. die Feststellung, dass Familien grundsätzlich sehr gern innenstadtnah wohnen würden, wenn es denn mehr geeigneten Wohnraum gäbe, aber auch um sehr kleinteilige Vorschläge, wie z. B. für die Gestaltung des optimalen Spielplatzes. Kurzum, die Ergebnisse sind sehr vielseitig und anregend. Vor allem aber hat der Diskurs, mehr als wir vorher vermutet haben, deutlich gemacht, dass Familienfreundlichkeit von den Bürgerinnen und Bürgern ganzheitlich gesehen wird. Immer geht es um die Summe aller Aspekte des Familienlebens. Familienfreundliches Wohnen hat sowohl mit dem Zustand von Wohnungen als auch mit der Qualität der umliegenden Schulen, der verfügbaren Kindertagesbetreuung, der Erreichbarkeit von Spielplätzen, einem allgemeinen familienfreundlichen Klima und vielem anderen zu tun. Das muss man bei der Gestaltung des familienfreundlichen Wohnorts Hamburg beachten und unterstreicht einmal mehr, dass Familienpolitik eine wirkliche Querschnittsaufgabe ist.

Worin sehen Sie die Stärken und Schwächen dieses Beteiligungsinstruments?

Die Stärke des Instruments liegt aus meiner Sicht vor allem darin, dass durch diese Form der Diskussion schnell eine vergleichsweise große Zahl von Menschen zu erreichen ist. Außerdem können durch die Moderation sehr differenzierte Aussagen gewonnen werden. Beides ist bei klassischen Befragungen oder bei Vort-Ort-Beteiligungen kaum möglich. Zudem können alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Verlauf der Beteiligung eins zu eins nachvollziehen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Möglichkeit, sich von Zuhause aus und zeitlich flexibel zu beteiligen, was bei unserer Zielgruppe der Familien ganz wichtig war. Vielleicht spielt es außerdem eine Rolle, dass trotz intensiver Beteiligung Anonymität gewährleistet ist. Und: Die Art des Verfahrens trägt aus meiner Sicht dazu bei, dass konstruktive Kritik gefördert wird. Das sind schon entscheidende Vorteile.
Ein klarer Nachteil liegt darin, dass man über das Internet zwar inzwischen eine ganze Reihe von Menschen, aber eben nicht alle Bevölkerungsgruppen erreichen kann. Selbst bei Interesse und Verfügbarkeit eines Internetanschlusses ist außerdem die Schwelle, schriftliche Beiträge zu verfassen wohl noch recht hoch. Man kann also insgesamt keine wirklich repräsentativen Ergebnisse erhalten.

Was heißt das?

Für mich heißt das, dass eine Internetdiskussion eine mögliche Form der Beteiligung neben anderen ist und dass man beachten muss, welche Zielgruppe man erreichen möchte. Für unsere Themenstellung war die Internetdiskussion gut geeignet. Junge Familien sind aufgrund ihres Alters und ihres Lebenszusammenhangs mit dem Internet vertraut und offensichtlich auch sehr gut erreichbar.

Frau Dr. Birtsch, vielen Dank für dieses Interview

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