Desinteressierte Jugendliche? BioTalk zeigt das Gegenteil

AvocadogesichtBioTalk – Hamburger Jugendliche diskutieren Chancen und Risiken gentechnisch veränderter Lebensmittel im Internet

Wie können mehrere hundert Hamburger Schülerinnen und Schüler dazu bewegt werden, freiwillig drei Wochen lang mit viel Engagement das Thema „gentechnisch veränderte Lebensmittel“ im Internet zu diskutieren und dabei noch Spaß zu haben?

In dem vom BMBF geförderten Projekt “BioTalk“ wurde ein DEMOS-Diskursverfahren speziell für Jugendliche entwickelt und dieses unrealistisch klingende Szenario Wirklichkeit. Im Rahmen eines zweistufigen Vorgehens – Vorbereitung und Zusammenarbeit mit Lehrkräften und anschließendem wettbewerbsorientierten Online-Diskurs mit Rollenspiel – konnten mehr als 300 Hamburger Schülerinnen und Schüler aus allen Hamburger Bezirken motiviert werden, sich aus eigenem Antrieb an einer dreiwöchigen Online-Diskussion des Themas „Gentechnisch veränderte Lebensmittel“ zu beteiligen und diese mit ihrem Engagement zu tragen.

BioTalk Logo

Auf der BioTalk-Plattform konnten die Jugendlichen sich mit bis zu 7 verschiedenen, selbst entworfenen Rollenprofilen an der fachlichen Diskussion in den Foren beteiligen und so die vielschichtigen Aspekte des Themas gentechnisch veränderter Lebensmittel aus ganz unterschiedlichen Perspektiven heraus erkunden.

7 BioTalk-Rollen

Darüber hinaus entwickelten und fixierten die Teilnehmer/innen in der zweiten Woche ihre Argumente auch im Rahmen von Argumentationskarten und Stories – gemeinsam zu bearbeitenden Wiki-Dokumenten. Die erstellten Argumentationskarten und Stories wurden anschließend von den Schülerinnen und Schülern gegenseitig bewertet. Dieses abschließende Ranking und alle Formen der aktiven Teilnahme – z.B. Foren- und Wikibeiträge, Quizrunden zur Wissensvertiefung sowie Umfrageteilnahme – wurden durch Wettbewerbspunkte honoriert.

Diese Kombination scheint den Nerv der Jugendlichen getroffen zu haben: sie verfassten über eine Gesamtlaufzeit von 14 Tagen bei eingeschränkter Öffnungszeit (Mo-Fr 9 bis 18 Uhr) einschließlich der Wikiversionen insgesamt 4595 Beiträge und erstellten 169 Argumentationskarten, 70 Stories und 631 Rollenprofile.

Verlauf der Beiträge pro Tag

Die Teilnahmemotivation

Die Auswertungen des jetzt veröffentlichten Abschlussberichts zeigen, dass vor allem die Online-Diskussion mit ihrem Rollenspiel- und Wettbewerbscharakter von den Schüler/innen mit großer Begeisterung aufgenommen wurde und ihre Bereitschaft förderte, die eigenen Positionen argumentativ zu vertreten und sich anderen Standpunkten gegenüber zu öffnen.
In Bezug auf die Einstellungen der Teilnehmer zur Gentechnik und möglichen Veränderungen ließ sich beobachten, dass die Heranführung über das Rollenspiel nicht nur Hemmungen bei der Formulierung einer Position abbaute, sondern auch zu deren Differenzierung verhalf. Die Möglichkeit, sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven anzunähern, konkurrierende Rollen­pro­file zu erkunden und diese bei der Ausbuchstabierung der eigenen Rollen zu berücksichtigen, trug dazu bei, dass sich bei vielen Teilnehmern im Laufe des Verfahrens eine komplexere Einstellung zum Thema entwickeln konnte.

Diese Annahme wird auch durch die Umfrageergebnisse bekräftigt, bei denen alle Befragten angaben, durch die Übernahme verschiedener Rollen neue Argumente kennen gelernt zu haben. Zwei Drittel der Teilnehmer/innen verspürte darüber hinaus das Bedürfnis, auch jenseits der BioTalk-Plattform mit Freunden oder Verwandten über das Thema zu diskutieren. Bei der Hälfte der Befragten hat sich während der Diskussion nach eigener Aussage auch die persönliche Einstellung gegenüber der Gentechnik verändert.

Obwohl während des Diskurses die Zahl der Gentechnikgegner zunahm, kann daraus jedoch keine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber der Gentechnik abgeleitet werden, sondern eher die Erkenntnis, dass der Themenbereich erheblich komplexer ist als zunächst angenommen und potentielle Risiken – z.B. unbeabsichtigte Saatgutvermischung, ungeklärte Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit, Vormachtstellung der Großkonzerne – aus Sicht der Schüler/innen bislang nicht hinreichend zu widerlegen sind. Die Jugendlichen setzen die Erhaltung und den Schutz der Natur in den Fokus ihrer Bewertungen, sind dabei aber nicht grundsätzlich technikfeindlich eingestellt. Damit deckt sich ihre Kritik an menschlichen Eingriffen in die Natur und ihre Ungewissheit über die möglichen Folgen mit der Meinung der europäischen Bevölkerung.

Fazit

Insgesamt kann festgehalten werden, dass der Einsatz elektronischer Medien zur Auseinandersetzung mit schwierigen und differenzierten Themenbereichen neue Interaktionsformen für Jugendliche ermöglicht und sich positiv auf die Motivation der Schülerinnen und Schüler auszuwirken vermag. Spielerische und wettbewerbsfördernde Elemente, aktive Gruppenarbeit sowie die daraus resultierende Entstehung einer konstanten Gemeinschaft können das Interesse an komplexen Inhalten steigern und die Argumentationsfähigkeit fördern. Diese Vermutung wird unterstützt durch die Stabilität der Teilnehmerzahl, obwohl die Mitwirkung den Schülerinnen und Schülern über den Unterrichtskontext hinaus erhebliche Zusatzarbeit und Zeitaufwand abverlangte.

Durch den im BioTalk-Projekt erprobten Ansatz zeichnen sich somit neue internetbasierte Verfahrenskonzepte ab, die eine Erschließung und Erarbeitung gesellschaftsrelevanter und vielschichtiger Problemstellungen in einem gleichermaßen spiel- wie diskursorientierten Rahmen ermöglichen und überdies die Partizipationsmöglichkeiten und Perspektiven erweitern. Darüber hinaus stützen die Ergebnisse des BioTalk-Projektes die Annahme, dass Jugendliche sich durchaus für gesellschaftliche und politische Themen interessieren und diese mit Engagement erörtern– sofern ihnen der geeignete Rahmen dafür geboten wird.

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