Wenn von E-Partizipation die Rede ist, denkt man in Kategorien von Bürgern und Politikern, Regierungen und Regierten, Wählern und Gewählten. E-Partizipation will die Möglichkeiten des Internets nutzen, um die Kluft zwischen Politik und Bürgerschaft zu verringern, Betroffenen und Interessierten ein Forum bieten und Entscheidungen durch verteiltes Wissen und kollektive Intelligenz verbessern. Damit das funktioniert, muss die Politik mit im Boot und bereit sein, zuzuhören. Andererseits müssen die entsprechenden Beteiligungsergebnisse aber auch verständlich, nachvollziehbar und anschlussfähig sein, was eine gewisse Diskussionsdisziplin und strukturierte Diskursverfahren voraussetzt. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns und versuchen dabei, möglichst allen Seiten gerecht zu werden. Auch wenn das nach mission impossible klingt, es geht.
Bezogen auf die Politik insgesamt bleibt der Einfluss dieser Art von E-Partizipation derzeit aber gering – auch wenn die Akzeptanz dieser Beteiligungsansätze wächst.
Die Anzahl der bisherigen Beispiele ist übersichtlich, die Themen sind opportunistisch gewählt. Dynamischer und mit erheblich stärkerem gesellschaftlichen Veränderungspotenzial entwickelt sich derzeit eine andere Form der E-Partizipation, die vorher nicht bei politischen Entscheidungsträgern um Erlaubnis fragt, sich nicht mal vorrangig an die Politik wendet. Die Bürger, die sich hier engagieren, tun dies nicht unbedingt als Staatsbürger, sonder in diversen anderen sozialen Rollen wie Konsumenten, Aktionären, Aktivisten.
Im Kern geht es dabei nicht einmal um Engagement, sondern um Zusammenarbeit. Die weapons of mass collaboration, die uns das Internet beschert, suchen sich ihre Einsatzfelder selbst und was dabei entsteht, bezeichnet Paul Hartzog als Panarchy:
Mass participation is enabled by the recent spread of connective network technologies, from cell phones to the Internet. Panarchy emerges when these connective technologies, which lower the threshold for collective action, enable cooperative peer-to-peer production – of knowledge, of tools, of power.
Als Übungsläufe dienten die von Howard Rheingold beschriebenen smart- bzw. flashmobs. Bekannt geworden sind flashmobs vor allem als neo-dadaistische Zusammentreffen von Unbekannten, die sich vorher über SMS, E-Mails oder Blogs zur Ausführung skuriler und anscheinend sinnloser Aktionen verabredet haben. Dies kann als Demonstration der reinen Form der Panarchy interpretiert werden, die sich jetzt mit beliebigen Inhalten auffüllt. Die politisch relevanten Beispiele reichen von der virtuellen Organisation der G8-Proteste bis zu Terrornetzwerken.
Gesellschaftliche Sprengkraft entfaltet diese Spielart der E-Partizipation aber auch in scheinbar unpolitischen Bereichen. Eine Vorahnung auf zukünftige Kooperationsformen gibt die derzeit wohl interessanteste Social Networking Platform Facebook. Das virtuelle Netzwerk hat derzeit etwa 30 Millionen Mitglieder, wächst täglich um 150.000 neue Nutzer und steht mit ca. 40 Mrd. monatlichen page views auf Platz sechs der meist besuchten Websites in den USA (Quelle). Facebook unterscheidet sich von anderen Plattformen wie Myspace, LinkedIn oder Xing vor allem dadurch, dass Anbieter von collaboration tools ihre Anwendungen integrieren können. Die Zahl der entsprechenden Applikationen explodiert seit dem und ermöglicht unzählige Formen der Zusammenarbeit.
Dadurch stellt Facebook inzwischen eine Art kollaborative Ursuppe dar, ein soziales Milieu, das ständig neue Formen kollektiver Aktionen hervorbringt oder bestehende verstärkt und beschleunigt. Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen:
- nur einige hunderte Studenten mussten sich auf Facebook zusammenschließen, um eine Bank zur Änderung ihrer Serviceangebote zu bewegen. Es braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, was soziale Vernetzung für die Kundenbeziehungen von Unternehmen in naher Zukunft bedeuten kann.
- das in Facebook integrierte Tool causes ermöglicht neue Formen des Spendensammelns, die weit reichende Konsequenzen haben können. “Once people are more comfortable with the idea of peer-to-peer financial transactions, spontaneous giving group formations, and demands for instant accountability through rapid engagement channels will likely be the result. I predict it’s gonna be a whole new ballgame for traditional fundersâ€? (Paul Lamp).
Panarchy, meint Paul Hartzog, manifestiert sich über soziale Mechanismen, die unabhängig von oder parallel zu staatlichen Handeln funktionieren. Für Politiker sollte das ein Grund zur Sorge sein. Dass sich die Netzgemeinde hierzulande bisher kaum in politischen einflussreichen Aktivitäten artikuliert, muss nichts bedeuten. Der gesellschaftliche Vernetzungsgrad, der sich – teilweise unbemerkt – ständig weiter erhöht, schafft die entsprechenden Strukturen, die dann jederzeit politische relevante Aktionen hervorbringen können. Was Paul Lamb den Fundraisern zu ruft, sollte auch in der Politik nicht ungehört bleiben: “You’d better adapt, come up with other meaningful models, or get the heck out of the wayâ€?.
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Kommentar von Udo
2 4. September 2007, 08:01 Uhr |
Schöner Artikel - Ich lese heraus, daß die Spielarten der E-Partizipation doch creativ und vielfältig sein können… Die “Ursuppe” finde ich als Vehikel des Kollaborativen [Geistes] gut definiert. -
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