Stadtplanung ist eines der bevorzugten Themenfelder für Bürgerbeteiligung im Internet. Hier kann E-Partizipation ihre Stärken voll ausspielen: Die Bereitstellung und Visualisierung relevanter Informationen inklusiver geografischer Daten, ergebnisorientierte Diskussionen mit hunderten aktiver Teilnehmer und die Brückenschläge zwischen Laien und Experten, Betroffenen und Entscheidern. So können originelle Ideen entwickelt und umgesetzt, Bürger aktiv in die Gestaltung ihrer urbanen Umwelt einbezogen und mittelfristig reale Werte geschaffen werden.

“Das Leben am Wasser ist schön, leben auf dem Wasser schöner und erschwinglich auf schwimmenden Häusern. Großstädte wie San Francisco, Seattle, Vancouver oder London und Amsterdam haben den Traum vieler Menschen wahr werden lassen, die schwimmenden Häuser dieser Städte sind eine Bereicherung des Stadtbildes und eine Touristenattraktion”.
Auf dem Wasser wohnen
Mit ihrem Beitrag für die Internetdiskussion zur Wachsenden Stadt Hamburg (2002) hatte Teilnehmerin Anne einen Nerv getroffen: Viele Menschen würde gerne ihren Wohnort direkt auf das Wasser verlegen. Von dieser Idee waren aber nicht nur zukünftige Wasserbewohner fasziniert, sondern auch Stadtplaner, Architekten, Bezirkspolitiker und der Erste Bürgermeister Ole von Beust. Die Idee wurde Anfang 2003 von einer Jury ausgezeichnet und zur Umsetzung empfohlen. Vor allem der Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Mitte, Markus Schreiber, hat das Potenzial von Hausbooten und so genannten floating lofts für die Stadtentwicklung schnell erkannt und sich für die Pilotierung des Projektes eingesetzt.
Seither wurden verschiedene Prototypen für das Wohnen auf dem Wasser entwickelt, geeignete Liegeplätze gesucht und gefunden und an den vielen Problemen, die mit der wohnlichen Erschließung von Wasserwegen verbunden sind, gearbeitet. Auch wenn das Projekt etwa fünf Jahre nach der Internetdiskussion noch nicht realisiert worden ist, sind die Entwicklungen viel versprechend: Geplant ist derzeit eine schwimmende Perlenkette mit Standorten am Hochwasserbassin und der Bille: “Ziel ist es, einerseits die Wasserflächen der Stadt zu beleben, um die Attraktivität der Stadt zu steigern und andererseits im Kernbereich Hamburgs das Wohnen stärker zu etablieren. Der Startpunkt der Perlenkette liegt am Schnittpunkt der Hafenpromenade mit der Kunstmeile – am Stadtdeich vis á vis zu den Deichtorhallen – zentrumsnah und gut sichtbar für Bahnreisende, die von Süden in die Stadt einfahren” heißt es auf der Website des Bezirks.
Durch die zusammenhängende Siedlungsstruktur soll eine Community von Wasserbewohnern und so eine schwimmende Lebensader entstehen, “die sich weiter in östliche Wassergefilde in Richtung Bille ausdehnen wird”. In einem Gutachten für den Bezirk Hamburg-Mitte sieht das Architekturbüro Förster Trabitsch neben den städtebaulichen und stadtplanerischen Impulsen, die von einer Perlenkette schwimmender Häuser ausgehen, auch positive wirtschaftliche Effekte für Hamburg: “Hier entsteht die Möglichkeit einer neuartigen Nahversorgung, die in einem Gesamtkonzept neue Arbeitsplätze und Attraktionen ermöglicht. Schwimmende Cafés, schwimmende Ateliers, schwimmende Gärten, schwimmende Läden und schwimmende Märkte erweitern die Möglichkeiten.”
Für die Stadt Hamburg war die Diskussion zum Leitbild Wachsende Stadt gleichzeitig der Auftakt für eine ganze Reihe weiterer Internetdiskussionen, in denen der Senat bzw. die Hamburgische Bürgerschaft den Bürgerinnen und Bürgern Mitsprachemöglichkeiten eingeräumt hat. Und dies zu unterschiedlichen Themen wie familienfreundliches Wohnen, Haushaltsplanung, Gestaltung des Domplatzes oder eine bebaute Brücke (Living Bridge).
In allen Diskussionen hat sich gezeigt, dass so schwierige Themen in kurzer Zeit aus den verschiedensten Perspektiven beleuchtet werden können. Die ungezwungene Atmosphäre eines moderierten Diskussionsforums lädt vor allem dazu ein, ausgetretene Denkpfade zu verlassen, gemeinsam kreativ an der Lösung schwieriger Probleme zu arbeiten – und damit Werte zu schaffen.
So ist z.B. in der Diskussion zum familienfreundlichen Wohnen ein Bürgerleitfaden entstanden, der nahezu alle Aspekte dieses Themas behandelt. Neben vielen konkreten Ideen zur Verbesserung der Familienfreundlichkeit in Hamburg enthält der Leitfaden wertvolle Hinweise für die familienfreundliche Ausgestaltung einzelner Quartiere oder geplanter Siedlungen. Gerade die Wohnungswirtschaft hat sich sehr für diesen Leitfaden interessiert und immer wieder Exemplare nachbestellt. Und auch die federführende Behörde kommt zu dem Ergebnis: Der Familiendiskurs hat sich gelohnt.
Kosten der Nichtbeteiligung
E-Partizipation kann auch dabei helfen, teure Planungen zu vermeiden, die an den Bedürfnissen und Vorlieben der Bürger vorbeigehen und sich letztlich nicht durchsetzen lassen. Ein Beispiel sind die Planungen zur Bebauung des Hamburger Domplatzes, einem geschichtsträchtigen Ort, der als Keimzelle der Stadt gilt. Vom Mittelalter bis Anfang des 19. Jahrhunderts stand dort der Dom, “eine gewaltige fünfschiffige Halle mit nur einem Turm. An ihn schlossen sich mehrere Gebäudekomplexe der Kleriker an, in denen sich das Leben vollzog, das den Gebäudekomplex zum geistlichen und geistigen Zentrum der mittelalterlichen Stadt gemacht hat” (Quelle). Nach Abriss des Doms wurden mehrere Schulen des Johanneums auf dem Gelände errichtet. Diese Gebäude wurden im zweiten Weltkrieg so schwer beschädigt, dass sie abgerissen werden mussten.
Seit dieser Zeit steht der Domplatz leer oder wurde als Parkplatz genutzt. Es gab verschiedene Versuche, diesen zentralen und bedeutenden Hamburger Platz wieder zu bebauen. Zuletzt wurde 2005 ein Realisierungswettbewerb für ein gemischt genutztes Gebäude durchgeführt, das u.a. eine Bibliothek, Büros, Wohnungen sowie öffentliche Einrichtungen beherbergen sollte. Den ersten Platz belegte der Entwurf des Büros Auer und Weber.

Die Begeisterung für diesen Entwurf war allerdings nicht ungeteilt. Über die Medien meldeten sich Politiker, Architekturkritiker und Prominente wie der in Hamburg lebende Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit zum Teil harscher Kritik zu Wort. Der Bau würde sich nicht ins Stadtbild und Quartier einfügen, wäre zu groß und nehme die historischen Bezüge nicht auf. Als sich abzeichnete, dass auch in der Hamburgischen Bürgerschaft keine Mehrheit für die Realisierung des Gewinnerentwurfs zu finden sein würde, sind die Planungen abgebrochen worden.
In dieser einigermaßen verfahrenen Situation hat sich der Senat dann entschlossen, die Bürger via Internet in die Planungen einzubeziehen. Die Vorschläge, Ideen und Entwürfe der Teilnehmer/innen zeigten eine klare Tendenz: Die meisten sprachen sich für eine gestalte Freifläche oder eine Teilbebauung des Platzes aus. Fast alle von den Teilnehmenden selbst mit gut bewerteten Konzepte schlugen für den Domplatz – architektonisch wie funktional – ein offene, kommunikative und integrative Nutzung vor. Eine große Rolle spielten auch Verweise auf die Historie des Platzes sowie dessen Funktion als Verbindungsglied zwischen Innenstadt und HafenCity.
Ein rechtzeitige Befragung der Bürger hätte dazu genutzt werden können, deren Präferenzen in den Realisierungswettbewerb aufzunehmen und damit die Chancen einer breiten Akzeptanz des Wettbewerbgewinners deutlich zu erhöhen. Dazu war es zwar zu spät, die öffentliche Diskussion der Domplatzbebauung hat sich durch die Internetbeteiligung dennoch positiv verändert. Eine geplante Zwischenlösung kommt den Vorstellungen der Bürger schon sehr nahe, viele Medien haben positiv über die Diskussionsergebnisse berichtet und das Thema der langfristigen Nutzung des Domplatzes ist im besten Sinne wieder offen.
Brückenschläge
Ganz anders wurde mit dem ebenfalls umstrittenen Projekt einer “Living Bridge” verfahren. Dabei handelt es sich um eine mit Wohnungen und Büros überbaute zweistöckige Brücke über die Norderelbe, auf deren unterer Ebene eine vierspurige Straße vorgesehen ist. Das Projekt wurde von dem Hamburger Architekten Hadi Teherani und dem Investor Dieter Becken geplant. Ob es auch realisiert wird, ist ungewiss und die Bürger haben im Internet und auf Veranstaltungen dieses Mal vorher die Gelegenheit, sich über den Entwurf zu informieren und ihre Meinung dazu zu sagen.

Es haben sich bisher etwa 450 Teilnehmer für die Online-Diskussion registrieren lassen, ca. 220 haben abgestimmt. Leidenschaftlich wurde darüber debattiert, ob Hamburg mehr spektakuläre Architektur braucht, um im Vergleich mit internationalen Metropolen zu bestehen, oder ob genau darauf lieber verzichtet werden sollte, um so den Charme und Charakter der Stadt zu bewahren. Diskutiert wurde auch über (verbaute) Blickbeziehungen, Arbeitsplätze, die – je nach Perspektive – durch die Brücke entweder geschaffen, erhalten oder vernichtet würden, über Verkehr und Umwelt, Folgen für die Entwicklung der Elbinseln, über den englischen Namen und natürlich über die ästhetische Qualität des Teherani-Entwurfs.
Soweit erkennbar, verliefen die Grenzen zwischen Pro und Contra quer durch alle Berufsgruppen und politischen Lager. Beteiligt haben sich u.a. Beschäftigte in der Hafenwirtschaft, Architekten, Stadtplaner, Studenten, Künstler, Rentner – in der Mehrzahl (70%) Männer. In vier Live-Diskussionen haben sich außerdem für jeweils ca. 90 Minuten der Oberbaudirektor Walter, der Architekt Teherani, der Präsident der Hamburger Architektenkammer Kleffel sowie der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Gedaschko an der Internet-Diskussion beteiligt.
Demokratisierung von Architektur und Stadtplanung
“Dass die Bürger in staatlich eingerichteten Internet-Foren über prominente Bauvorhaben diskutieren und abstimmen können, schien bisher undenkbar. Gefürchtet waren dabei nicht nur die Nimbys (das Kürzel steht für “not in my backyard – was sich etwa mit “nicht vor meiner Tür” übersetzten lässt, RL) mit ihrer Fähigkeit, Kampagnen zu stiften, sondern vor allem der öffentliche Geschmack, dem Fachleute grundsätzlich regressive Modernitätsfeindlichkeit unterstellen”, schrieb Till Briegleb im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Dann gibt der Autor angesichts des Hamburger Beispiels selbst Entwarnung: “Das Niveau der Debatten ist teilweise besser als auf mancher Diskussion der Architekturgremien – und Nymbis haben hier kaum Chancen. Ähnlich wie bei Wikepedia und anderen diskursiven Internetmedien setzt sich auch bei “www.belebte-bruecke.de” die Ernsthaftigkeit durch.”
Etwa 60% der Teilnehmenden haben sich bisher für eine Living Bridge entschieden und auch in der Diskussion haben sich die Befürworter stark engagiert und viele Argumente für die Realisierung der Brücke gesammelt. Von “regressiver Modernitätsfeindlichkeit” kann also kein Rede sein. Von unkritischer Modernitätsgläubigkeit aber genauso wenig. Viel wichtiger erscheint es ohnehin, sich von diesen pauschalen Kategorien zu verabschieden und wechselseitige Vorurteile zu überwinden. Eine geplantes Gebäude ist nicht schon deswegen gut oder schlecht, weil es eine moderne Anmutung hat. Architektonische Qualität muss sich ausweisen lassen und letztlich nicht nur Experten überzeugen. “Ich finde, dass eine neue Form der Kooperation gefunden und erarbeitet werden muss. Derzeit wird ein Grossteil der neugebauten rationalistischen Architektur von vielen Mensch als distanziert, kalt und negativ empfunden. Wenn wir neue Strukturen für die Realisierung von Städtebau und Architektur schaffen, die die Bürger und ihren grundsätzlichen Anspruch zum sich wohl zu fühlen aktiv in den Planungsprozess einbeziehen, ist das eine große Chance” sagte die Hamburger Architektin Alexandra Czerner im Interview. Denn: “Architektur ist unausweichlich”.



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