Warum das “Social Web” für Städte, Kommunen und Politik immer wichtiger wird
Seit 2003 bringt Web2.0 die interaktive Nutzung des Internets auf den Begriff. Aus ehemals passiven Konsumenten werden zunehmend aktive Mediennutzer, die selbst Inhalte erstellen, Wissen produzieren, bewerten, sortieren und sich mit anderen vernetzen.
Die Veränderungen durch das so genannte Social Web sind so umfassend wie beeindruckend und betreffen immer mehr gesellschaftliche Bereiche. Gerade die Nutzerzahlen internationaler Netzwerkseiten wie MySpace (~150 Mio.) oder Facebook (~70 Mio.) verdeutlichen das gesellschaftliche Potenzial Internet basierter Vernetzung. Aber auch vorwiegend auf einzelne Länder beschränkte Netzwerke wie bspw. StudiVZ/ SchülerVZ (9 Mio.) in Deutschland unterstreichen deren Entwicklung zu dem wohl wichtigsten Massenmedium der Zukunft.

(Source: Osimo 2008)
Auch im staatlichen Bereich werden die Potenziale des Internets für die interne Verwaltungsmodernisierung sowie als neuer Servicekanal für die Bürger (E-Government) seit vielen Jahren gesehen. Trotz enormer Anstrengungen lässt der Durchbruch aber immer noch auf sich warten: So haben 2007 in Europa nur etwa 10% der Bürger transaktionale Internetangebote der öffentlichen Verwaltungen genutzt (vgl. Osimo 2008, S.12., pdf)
Während E-Government sich weiterhin an der klassischen Rollentrennung von Bürgern und Verwaltungen orientiert, eröffnet das Web2.0 neue Perspektiven auf eine kooperative Erstellung von Leistungen, die quer zu bestehenden Organisations- und Rollengrenzen verläuft. Damit unterstützt das “Social Web” eine Entwicklung, die im öffentlichen Bereich (zumindest in demokratischen Ländern) als Reaktion auf eine strukturelle Überforderung staatlicher Institutionen gesehen werden kann, bzw. als Beitrag zur Problemlösung. Diese Überforderung ergibt sich aus den folgenden Tendenzen:
- der Staat muss eine immer größere Anzahl von Aufgaben bewältigen und das bei sinkenden finanziellen Ressourcen
- der Staat muss immer häufiger komplexe Entscheidungen treffen, ohne über ausreichend Informationen zu verfügen
Statt alle geforderten Leistungen selbst zu erbringen und Entscheidungen auf der Basis unzureichender Informationen zu treffen, setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass nur die Kooperation staatlicher mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Unternehmen und Bürgern einen Ausweg aus der strukturellen Überforderung weist. “Governments are moving away from the direct provision of services towards a greater role for private and non-profit entities and increased regulation of markets. Government’s regulatory reach is also extending into new socio-economic areas” heißt es dazu im OECD report on government modernisation (2005).
Aus Government wird Governance und aus E-Government E-Governance - so gesehen kommt das Web 2.0 anscheinend wie gerufen. Und tatsächlich gibt es mittlerweile einige positive Beispiele, in denen staatliche Stellen über das Internet mit den Bürgern kooperieren und damit Werte schaffen. So lässt die amerikanische Patentagentur (US Patent Office) sich von interessierten Nutzern bei der Bewertung von Patentanmeldungen helfen. Die steigende Zahl von Patentanträge und die mangelnde technische Expertise der Sachbearbeiter hatte dazu geführt, dass die Prüfungen immer mehr Zeit in Anspruch nehmen und zu viele Anträge irrtümlich bewilligt werden. Diesem Problem versucht die Agentur jetzt damit zu begegnen, dass auf der Internetseite www.peertopatent.com externe Fachleute den aktuellen technischen Stand des Bereiches recherchieren und beschreiben, für den ein bestimmter Antrag vorliegt. Diese Beschreibungen werden von anderen Teilnehmern bewertet und die hoch bewerteten Artikel den zuständigen Sachbearbeitern zugeleitet.
Auch um politische Entscheidungen stärker an den Bedürfnissen von Bürgern auszurichten, bieten immer mehr Regierungen partizipative Online-Angebote, wie bspw. Bürgerhaushalte oder partizipative Stadtplanungsverfahren an.
Gleichzeitig wartet das Web2.0 aber nicht auf staatliche Angebote oder auf staatliche Erlaubnis und Förderung. Öffentliche Informationen werden von unabhängigen Organisationen genutzt, um aus eigener Initiative Dienstleistungen zu entwickeln. Beispiele sind die Projekte der Sunlight Foundation (USA) oder von mysociety.org (UK). Aber auch Initiativen einzelner Bürger oder Gruppen mischen sich in staatliche Aufgaben ein. So prangert bspw. die Seite mybikelane.com New Yorker Parksünder an, die mit Ihren Fahrzeugen Radfahrwege blockieren und hilft so, die Einhaltung gesetzlicher Regelungen durchzusetzen.
Eine gerade erschienen Studie (pdf) der Europäischen Kommission kommt angesichts dieser Beispiele zu dem Schluss, dass Web2.0-Anwendungen einen erheblichen Beitrag zur einem besseren, einfacheren, kooperativen und vernetzten Staat leisten können. Vor allem aber kann der Staat nicht mehr selbst darüber entscheiden, ob das Web2.0 Einzug in den öffentlichen Bereich hält, weil dies bereits geschieht. Selbst mit dem Social Web zu experimentieren, sei daher nicht nur die beste, sondern vermutlich auch die sicherste staatliche Option.
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Weiterführende Links zum Thema:
David Osimo 2008:Web 2.0 in Government: Why and How? JRC Scientific and Technical Reports (European Commission) (pdf)
PEP-NET: Europäisches Netzwerk zum Thema E-Partizipation
XING-Gruppe Web 2.0 im Kommunalbereich
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